Der Invalidenfriedhof Berlin
(Aus dem Buch von Robert Thoms: Invalidenfriedhof Berlin – Seine Geschichte
in den Biographien dort Beerdigter.)
Einleitung
Der Invalidenfriedhof liegt, trotz seiner zentralen Lage im Herzen
Berlins, abgeschieden. Er vermittelt dem Besucher das Gefühl von Ruhe.
Zu erreichen ist das Areal am besten vom Lehrter Stadtbahnhof aus. Man
geht am Friedrich-List-Ufer entlang, biegt rechts in die Invalidenstraße
ein und passiert Berlins letzten erhaltenen Kopfbahnhof, den Hamburger
Bahnhof. Vorbei am Gebäude der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Akademie
geht es links in die wenig befahrene Scharnhorststraße. Von dort
sind es dann nur noch wenige hundert Meter bis zur unscheinbaren Friedhofsmauer.
Man geht durch das eiserne Tor hindurch und erblickt den Invalidenfriedhof.
-…-
Was wir sehen, ist das Ergebnis der wechselvollen Geschichte des
Friedhofes, die ihren zerstörerischen Höhepunkt im kommunistischen
Regime gefunden hat.
Der 2,54 ha große Friedhof ist in neun verschieden große
Felder eingeteilt, die durch zwei rechtwinklig sich schneidende Hauptwege
und mehrere Nebenwege getrennt sind. Südlich und nördlich ist
er durch Wohnhäuser begrenzt, im Westen durch die Reste der alten
Backsteinmauer und den dahinter liegendem Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal.
Zwischen den Resten der Berliner Mauer und der alten Friedhofsmauer sind
sowohl alle Grabsteine als auch alle Bäume und Sträucher für
ein freies Schußfeld entfernt worden.
1960 wurden noch rund 3000 Grabstätten gezählt, heute
sind es noch etwa 230. Für zahlreiche zerstörte Grabstätten
ist ein genauer Ort nicht mehr feststellbar.
Von der Gründung bis 1914
Friedrich der Große befahl 1747 die Einrichtung eines Invalidenhauses,
in dem die "lahmen Kriegsleut" untergebracht, versorgt und ihre Selbstversorgung
möglich gemacht werden sollte. Ein Stück Land im öden und
unbewohnten Norden Berlins wurde ausgewählt. Landwirtschaft sollte
als Grundlage für Erhalt und Betrieb der Anlage dienen.
Am 31. August 1748 erließ Friedrich II. die Instruktionen
für den Dienstbetrieb dieser militärischen Einrichtung. Sie beinhalteten
auch die Regelung des Kirchenbetriebes, die der toleranten preußischen
Grundhaltung entsprach und sowohl eine reformierte als auch eine katholische
Kirche vorsah. Anfänglich war eine gemeinsame Friedhofsnutzung geplant.
Erst später wurde der heute nicht mehr erhaltene katholische Friedhof
am Oranienburger Tor eingerichtet. Am 15. November 1748 wurde dem Invalidenhaus
ein entsprechender Begräbnisplatz zugewiesen. Der unmittelbar am Invalidenhaus
befindliche Kirchhof wurde der Invalidenfriedhof, auf dem am 20. Dezember
1748 die erste Grablegung, die des katholischen Unteroffiziers Hans Michael
Neumann aus Bamberg, stattfand.
Das älteste noch erhaltene Grabmal des Invalidenfriedhofes
ist das des 1779 verstorbenen Obersten und Invalidenhauskommandanten Lodewig
von Diezelsky.
Wurden anfänglich nur verstorbene Einwohner des Invalidenhauses
dort beerdigt, kamen bald die zugezogenen Anwohner der "Invalidenhaus-Civilgemeinde"
dazu, denn der Betrieb des Invalidenhauses zog auch viele Handwerker und
Händler an, die sich in der Nähe niederließen.
1824 wurden die Besitzverhältnisse durch Königliche-Kabinetts-Ordre
umgeschrieben. Es wurde bestimmt, daß "auf höheren Befehl" die
"Nobilitäten der Armee" dort beigesetzt werden sollten. Damit war
der Grundstein für einen besonderen preußischen Soldatenfriedhof
gelegt, vergleichbar dem Pariser Invalidendom für die Franzosen oder
der Londoner St. Pauls-Kathedrale für die Engländer.
Ein besonders auffälliges Grabmal dieser Zeit ist das des 1827
gestorbenen Invalidenhauskommandanten Gustav Friedrich von Kessel, dessen
in der Königlichen Berliner Eisengießerei gefertigte Grabplatte
in der Mitte des Wegekreuzes liegt. -…-
Nach den Befreiungskriegen wurde die Anlage ständig vergrößert.
Bis 1872 fanden fast 18.000 Beerdigungen statt, in der gesamten Friedhofsgeschichte
waren es rund 30.000. Davon waren etwa ein Drittel Einwohner des Invalidenhauses.
Die
prunkvollste und bekannteste Anlage dieser Zeit ist das Grabmonument des
Generals von Scharnhorst (Abb.), das nach einem Entwurf von Karl Friedrich
Schinkel aus dem Jahre 1824 in den Jahren 1826-1834 gefertigt wurde. Mit
der Ausführung des Entwurfes wurde der Bildhauer Professor Tieck beauftragt.
Der aus erbeuteten Bronzekanonen gegossene Löwe wurde nach einem Modell
von Christian Daniel Rauch von Theodor Kalide in der Königlichen Eisengießerei
gefertigt. Die umlaufenden Reliefs stellen Szenen aus dem Leben Scharnhorsts
dar. Das 5,56m hohe Denkmal wird von Theodor Fontane in seinen "Wanderungen
durch die Mark Brandenburg" bewundert und vom Schinkelbiograph Paul Ortwin
Rave als „Schinkels reifste Leistung im Bereich des Grabmalbaues“ bezeichnet.
Der Militärtheoretiker Clausewitz berichtete General Gneisenau, der
nicht an Scharnhorsts Beisetzung teilgenommen hatte, daß die Beerdigung
im kleinen Rahmen, lediglich in Anwesenheit der Offiziere des Invalidenhauses,
stattfand.
Das schlichte, 1990 restaurierte gußeiserne Kreuz des Turners
und glühenden Patrioten Karl Friedrich Friesen war lange Zeit typisch
für die Grabmalkunst auf dem Friedhof und ist heute leider das einzige
erhaltene Exemplar.
1914-1945
Im Laufe des ersten Weltkrieges und in den Nachkriegsjahren wurde
die Stellung des Invalidenfriedhofes als deutscher Heldenfriedhof endgültig
festgelegt. Viele deutsche Heerführer dieses Krieges wurden hier bestattet.
Aber nicht nur Generäle, auch gefallene Soldaten niederer Dienstgrade
wurden im Laufe des Krieges beigesetzt. Ein besonders berührendes
Denkmal aus dieser Zeit ist der Stein des Leutnant John, "Mutter Erde nimmt
ihren Sohn auf", geschaffen von Emil Cauer, auf dem Feld B erhalten, aber
schwer beschädigt. Dieser erhöhte Teil des Feldes B wird von
Günther Hintze als "Heldenfriedhof" bezeichnet, da dort hauptsächlich
Tote des ersten Weltkrieges beigesetzt wurden. Die meist nach dem Krieg
erschaffenen Grabmale vertraten alle Formen der Grabmalskunst, vom Holzkreuz
bis zum martialischen Adler und stellten oft künstlerisch wertvolle
Arbeiten dar.
War in früheren Kriegen oft die Reiterei für schnelle
und heldenhafte Unternehmungen verantwortlich, brachte der Stellungskrieg
eine neue Waffengattung hervor, in der herausragende Einzelleistungen möglich
wurden - die Jagdfliegerei, und obwohl auch die Jagdflieger nur Ihre Pflicht
taten, wurden sie von der Propaganda besonders herausgehoben. So verwundert
es nicht, daß zahlreiche der mit dem Orden "Pour le mérite",
der höchsten deutschen Kriegsauszeichnung ausgezeichneten, gefallenen
Jagdflieger, aber auch nach dem Krieg verstorbene, hier bestattet worden
sind. Bekanntester Vertreter ist Manfred von Richthofen, der „rote Baron“.
Im Kriege wurde er in der Nähe des Schlachtfeldes von seinen ehemaligen
Gegnern feierlich beigesetzt. Als seine Familie ihn 1925 ins Familiengrab
nach Schlesien überführen wollte, äußerte Reichswehrminister
Dr.Geßler den Wunsch, Richthofens sterbliche Überreste auf dem
Berliner Invalidenfriedhof beizusetzen. Eine Maßnahme, durch die
klar die Bedeutung des Invalidenfriedhofes auch für die Weimarer Republik
deutlich wird.
War das Invalidenhaus bis 1918 geschlossener Truppenteil der Preußischen
Armee, übernahm nach der Novemberrevolte das Reichsarbeitsministerium
die Verantwortung, da es auch für die Versorgung der Kriegsopfer zuständig
war.
1925 erschien erstmals ein Friedhofsführer, geschrieben vom
langjährigen Inspektor des Friedhofes Karl Treuwerth. Gemeinsam mit
dem 1936 und 1941 in vier Auflagen erschienenen Buch von Günther Hintze
"Der Invalidenfriedhof in Berlin - Ein Ehrenhain preußisch-deutscher
Geschichte" und den unveröffentlichten Aufzeichnungen Harnacks bildet
es die Grundlagenliteratur zum Invalidenfriedhof.
Wenige Tage nach der Machtergreifung durch Adolf Hitler fand die
Beerdigung des SA-Mannes Hans Maikowski statt, der den SA-Sturm 33 in Berlin
Mitte geführt hatte. Er war auf dem Rückmarsch vom Fackelzug
unter den Linden, am 30. Januar 1933, von Kommunisten erschossen worden.
Der Reichspropagandaleiter der NSDAP Dr. Joseph Goebbels inszenierte eine
Großveranstaltung, an der etwa 600.000 Berliner teilnahmen. Der Invalidenhauspfarrer,
Reichstagspräsident Hermann Göring und Dr. Goebbels hielten die
Trauerreden am Grab, die letzterer über den Rundfunk im ganzen Reich
verbreiten ließ.
1937 wurde die Anlage des Invalidenhauses wieder unter die Verantwortung
des Reichskriegsministeriums gestellt. 1939 wurde die "Stiftung Invalidenhaus"
ins nördliche Berlin-Frohnau verlegt, wo noch heute die Invalidensiedlung
besteht.
Für die Neu- bzw. Umgestaltung Berlins durch Albert Speer,
bis 1942 Generalbauinspekteur für die Reichshauptstadt, wurde eine
Einebnung des Invalidenfriedhofes notwendig. Die Überführung
der bedeutendsten Soldaten in die von Wilhelm Kreis entworfene Soldatenhalle
wurde geplant. Der beginnende Zweite Weltkrieg führte aber größtenteils
zur Einstellung der Arbeiten in Berlin. Die Beisetzungen prominenter Soldaten
wie Udet, Mölders und Hube deuten darauf hin, daß die Einebnung
in weite Ferne gerückt war. Die im Auftrage des Generalbauinspekteurs
durch Ernst von Harnack durchgeführte Sichtung der bedeutendsten Friedhöfe
Berlins erleichtert heute die wissenschaftliche Arbeit. Vermutungen über
die Gestaltung des Friedhofes durch die Nationalsozialisten anzustellen
wäre müßig.
In den Endkämpfen des Jahres 1945 wurde auch der Invalidenfriedhof
in Mitleidenschaft gezogen. Einschüsse und Absplitterungen an zahlreichen
Steinen deuten auf hier stattgefundene Kämpfe hin.
1945 bis zur Gegenwart
Daß es nach dem Kriegsende auch auf dem Invalidenfriedhof zu
einer "Entnazifizierung" kam, kann nicht verwundern. Ein Alliierter Kontrollratsbeschluß
vom 17. Mai 1946 verlangte die Entfernung von allen "militaristischen und
nationalsozialistischen Denkmälern", auch auf Begräbnisplätzen.
Insgesamt hielt man sich jedoch noch mit der Vernichtung zurück. Bis
in die sechziger Jahre fanden auch noch Beerdigungen statt. Am 1. Juni
1950 begann mit einer Verfügung zur "Rekonstruktion" die erste Abräumaktion.
Erste Grabstellen wurden eingeebnet und Rasenflächen angelegt. Aber
noch war der Friedhof als ganzes erhalten.
Die eigentliche Zerstörungswelle begann mit dem Mauerbau 1961.
Verschlimmernd wirkt dabei die Tatsache, daß die Abtragung der Grabmäler
nirgends dokumentiert wurde. Die meisten gußeisernen Grabmale werden
in volkseigenen Hochöfen gelandet sein. War ein freies Beobachtungs-
und Schußfeld das Hauptziel der Zerstörungen auf dem Friedhof,
kann man den Kommunisten wohl auch reines Zweckdenken unterstellen. Beispielsweise
wurde das niedrige, wertvolle Eisengußgitter mit Familienwappen der
Familie Schlieffen entfernt, obwohl es der freien Sicht nicht im Wege stand.
1967 war etwa ein Drittel des Friedhofes eingeebnet. Das nördliche
Feld I wurde Ende der sechziger Jahre zum Parkplatz umfunktioniert, und
mit dem stufenweisen Ausbau des "antifaschistischen Schutzwalls" nahm auch
die Zerstörung des Invalidenfriedhofes ihren Lauf. Einzig die Gräber
der Militärreformer Scharnhorst und Boyen, denen sich die DDR mit
ihrer "Volksarmee" verpflichtet fühlte, verhinderten die Gesamtzerstörung.
Die wohl einzige Umbettung, die in der Nachkriegszeit stattfand, war die
des berühmten Jagdfliegers Manfred von Richthofen 1976 auf den Heldenfriedhof
von Wiesbaden.
So mancher gute Geist hat im Stillen zur Erhaltung beigetragen,
beispielsweise durch die Umsetzung des Grabmals des General Hoffmann vom
abgeräumten Feld E in das Feld D, durch den ehemaligen Wachtmeister
bei den 1. Garde-Dragonern, Fritz Schadomski, verstorben 1967, womit es
vor der Zerstörung bewahrt wurde.
Auch der Eingangsbereich wurde verändert. Zwei wachhausähnliche
Pfeiler, links und rechts des Tores sowie das alte Wärterhäuschen
existieren heute nicht mehr. Ein häßliches Stahltor verhinderte
den Einblick. Das heutige Tor wurde dem Original nachempfunden.
Um auf den Friedhof zu gelangen, mußte man sich an die Besuchszeiten
halten, die ab 1965 zweimal zwei Stunden pro Woche vorsahen. Zeitweise
war sogar eine Anmeldung bei der örtlichen Polizeiwache erforderlich.
Ebenso mußte man mit der Feststellung der Personalien rechnen. Das
Betreten der Felder B und C, die ja direktes Grenzgebiet waren, gelang
nur, wenn ein pflichtvergessener Grenzsoldat es tolerierte. Vom nahen Wachturm
aus beobachtet, war aber auch dieser Besuch meist kurz. Aus verschiedenen
Grabsteinen hatten sich Grenzsoldaten auf dem Feld A einen Unterstand für
Schlechtwetter gebaut.
Mit der Maueröffnung und der Wiedervereinigung rückte
auch der Invalidenfriedhof wieder ins Licht der Öffentlichkeit. Leider
zog er auch Kriminelle an, die in den wenigen Resten noch lohnendswertes
fanden.
Robert Thoms
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