Berlin, Besetzung im Siebenjährigen Krieg

Die preußische Hauptstadt wurde im Laufe des Siebenjährigen Krieges zweimal von feindlichen Truppen besetzt. Im Oktober 1757 nutzte der österreichische Feldmarschall-Leutnant von Hadik die strategische Lage zu einem Streifzug gegen die preußische Hauptstadt. Die Anregung dazu kam vom Prinzen Karl von Lothringen, unter dessen Oberbefehl Hadik stand. Er brach am 11. Oktober mit 3160 Mann und 1160 Pferden in Elsterwerda auf. Unter Zurücklassung verschiedener Detachements zur Sicherung des Rückzuges kamen die Österreicher am 16. Oktober vor Berlin an. Die Garnison unter ihrem Kommandanten Generalleutnant von Rochow leistete keinen nennenswerten Widerstand, obwohl sie bei energischer Führung bis zur Ankunft der erwarteten preußischen Truppen dazu in der Lage gewesen wäre. Hadik hielt selbst seine Truppen für zu schwach, um in die Innenstadt vorzurücken und blieb in der Köpenicker Vorstadt stehen. Er erhob eine Kontribution von 215000 Talern. Die herannahenden Truppen des Prinzen Moritz von Dessau veranlaßten Hadik am 17. Oktober wieder zum Rückzug. Das Unternehmen hatte kaum militärisch Bedeutung, es verschaffte aber durch seine moralische Wirkung den Österreichern einen wichtigen Erfolg, zeigte sich doch, daß die Preußen nicht unverwundbar waren. Die preußische Bevölkerung wurde verunsichert und mußte nun jederzeit mit derartigen Streifzügen rechnen. Schließlich war die ungenügende Sicherheit der Hauptstadt offenbar geworden. Die Garnison, unter einem ungeeigneten Kommandanten, hatte versagt. Die königliche Familie und die Ministerien waren in die Festung Spandau geflüchtet, wohin auch der Staatsschatz gebracht wurde. Der König veranlaßte daraufhin die Übersiedelung seiner Familie und der Minister Ende Oktober für die Dauer des Krieges in die Festung Magdeburg. An Rochow erließ Friedrich II. eine Instruktion, die ihm zur Pflicht machte, unter allen Umständen Berlin zu verteidigen und zu halten.
Ernster waren die Folgen der Besetzung der Stadt im Oktober des Jahres 1760. Die Russen und Österreicher hatten sich gemeinschaftlich entschlossen, gegen Berlin zu operieren. Dazu wurden nach und nach die russischen Korps der Generale Tottleben und Tschernitscheff, zuletzt ca. 28000 Mann, und ein österreichisches Korps von 16000 Mann unter Lacy in Marsch gesetzt. Diese Operation sollte Friedrich II. veranlassen, seine Truppen in Schlesien zu teilen und Feldmarschall Daun damit dort die Gelegenheit zu geben, einen entscheidenden Schlag gegen die Preußen zu führen. Sollte dieser Plan nicht gelingen, wollte man wenigstens hohen  Schaden im preußischen Kernland anrichten und den König seiner wichtigsten Ressourcen berauben. Am 3. Oktober erschienen die leichten Truppen des Grafen Tottleben vor Berlin. Sie stießen diesmal auf energische Gegenwehr. Der Gouverneur von Berlin Feldmarschall von Lehwaldt, unterstützt von einigen sich zur Genesung in Berlin befindlichen Generalen, unter ihren Generalleutnant von Seydlitz, organisierte konsequenten Widerstand. Der Garnison, wiederum nur aus 3-4000 Mann unterschiedlichster Truppen bestehend, gelang es, erste Angriffe der Russen abzuschlagen. Die Beschießung der Stadt durch die russische Artillerie blieb wirkungslos. Am 4. Oktober kamen die in Eilmärschen von Templin her zur Hilfe geholten Truppen des Herzogs Friedrich Eugen von Württembergs als Verstärkung, aus dem Süden wurde das Korps des Generals von Hülsen erwartet, das am 7. Oktober auch erste Gefechte auf Tottlebens linker Flanke hatte. Schließlich konnten die Preußen etwa 16000 Mann in Berlin zusammenziehen. Inzwischen war aber bekannt geworden, daß auch das österreichische Korps Lacy im Anmarsch auf Berlin sei. Obwohl die Verteidigungsanlagen Berlins seit 1757 in Stand gesetzt worden waren, reichten sie nicht aus, einer großen Übermacht längeren Widerstand zu leisten. So entschied ein Kriegsrat der preußischen Generale, die Stadt aufzugeben. In der Nacht vom 8. zu 9. Oktober zogen die preußischen Truppen außer der Garnison unbehelligt ab, und dem Grafen Tottleben wurde die Kapitulation angetragen. Sofort zogen die Russen in die Stadt ein. Die Garnison wurde kriegsgefangen. Gegen eine zu hohe Kontribution setzte sich der Berliner Kaufmann Gotzkowsky erfolgreich für die Interessen der Stadt ein. Im wesentlichen gelang es dem russischen General, Ausschreitungen zu verhüten. Jedoch hatten die Berliner unter der Uneinigkeit und den Eifersüchteleien zwischen den Russen und Österreichern zu leiden. Die Besatzer mußten sich bereits am 13. Oktober zurückziehen, da der König die Hauptarmee heranführte. Daun war es nicht gelungen, einen Schlag gegen ihn zu führen. Berlin und das Umland wurde durch die feindlichen Truppen zum Teil stark verwüstet. Für Berlin berechnete der Magistrat einen Schaden von fast 2 Mill. Talern, nicht gerechnet die Schäden der einzelnen Bürger. Die Russen hatten das Zeughaus geplündert und verschiedene staatliche Einrichtungen von militärischer Bedeutung beschädigt. Friedrich II. war besonders verärgert über die Plünderung der königlichen Schlösser Charlottenburg und Schönhausen, dem Wohnsitz der Königin.
 

Lit.: 
  • Duwe, Georg: Berlin in fremder Hand. Schicksalsstunden der preußischen Haupt- und Residenzstadt vom 30jährigen Krieg bis zu den Freiheitskriegen, Osnabrück 1991.
  • Granier, Herman: Die Russen und Österreicher in Berlin im Oktober 1760. In: Hohenzollernjahrbuch, Band 2 , S. 113 - 145, 1898.
  • Naudé, Albert: Die Einnahme von Berlin durch die Österreicher im Oktober 1757 und die Flucht der Königlichen Familie von Berlin nach Spandau. In: Märkische Forschungen, Band 20, S. 149 - 170, Berlin 1887.
  • Simány, Tibor: Die Österreicher in Berlin. Der Husarenstreich des Grafen Hadik anno 1757, Wien, München 1987.
  • Wilke, Jürgen: „Umstände Nachricht von dem Ueberfall der Königl. Residentz, Berlin von Rußisch Kaiserl. Truppen unter dem Commando He. Generals und Graffen von Totleben“. Probst Süßmilch schildert seine Erlebnisse im Herbst 1760. In: Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Landesarchivs Berlin, S.17 - 60, Berlin 1990. 


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