Die freiwilligen Jäger der Befreiungskriege
Vortrag gehalten auf einem Kolloquium am 16. Oktober 1993 in Plauen aus Anlaß des 180. Jahrestages der Leipziger Völkerschlacht

"Mich juckt's in alle Finger, den Säbel zu ergreifen. Wenn es jetzt nicht Sr. Majestät unseres Königs und aller übrigen deutschen Fürsten und der ganzen Nation Führnehmen ist, alles Schelmfranzosenzeug mitsamt dem Bonaparte und all seinen ganzen Anhang vom deutschen Boden weg zu vertilgen: so scheint mich, daß kein deutscher Mann mehr des deutschen Namens wert sei. Jetzo ist es wiederum die Zeit zu tun, was ich schon Anno Neun angeraten, nämlich die ganze Nation zu den Waffen anzurufen, und wann die Fürsten nicht wollen und sich dem entgegensetzen, sie samt dem Bonaparte wegzujagen. Denn nicht nur Preußen allein, sondern das ganze deutsche Vaterland muß wiederum heraufgebracht, und die Nation hergestellt werden." So Blücher, geschrieben am 5. Januar 1813 in einem Brief an Scharnhorst.(1) Aber ob nun in Blüchers Husarenjargon oder mit feineren Worten gesagt, so ähnlich dachte man in Preußen am Anfand des Jahres 1813 vielerorts. 

Die nach der Niederlage Napoleons in Rußland entstandene Lage in Europa machte es auch für Preußen notwendig, neue Rüstungsanstrengungen zu unternehmen. Zwar wurden Reserven einberufen und Ende Dezember 1812 auch einige Bataillone neu gebildet, dies hätte für den bevorstehenden Kampf jedoch nicht gereicht. Es galt, die von den preußischen Reformern, vor allem um Scharnhorst, Gneisenau und Boyen, seit Jahren geforderte und vorbereitete Landesverteidigung, das hieß im Verständnis der Reformer die allgemeine Wehrpflicht, aufzubieten. Die schwierige finanzielle Lage des Staates erschwerte zusätzlich die Aufstellung neuer Truppen und machte die Anspannung aller Kräfte notwendig, um im Felde gegen Napoleon bestehen zu können. Aber noch immer war die Ergänzung des Heeres nur auf einen Teil der Bevölkerung beschränkt, da ganze Schichten des preußischen Volkes durch die sogenannte Exemtion vom Wehrdienst befreit waren. Dazu gehörten vor allem die gebildeten Kreise der Bevölkerung, so u. a. die Söhne der Gutsbesitzer, Staatsbeamten, des Bürgertums, soweit ihr Besitz mindestens einen Wert von 12000 Reichstalern umfaßte, der Kaufleute und Industriellen. Übrig blieben die Ackerbürger, Bauern und armen Handwerker, von denen auch viele noch freigestellt waren, nämlich wenn sie allein eine eigene Wirtschaft, ein Geschäft betrieben oder die Eltern zu versorgen hatten. (2) 
 

Freiwilliger Jäger vom Colbergischen Infanterie-Regiment Nr. 9
Kosak der Volontair-Kosaken-Eskadron beim Regiment Garde du Corps
Freiwilliger Jäger beim ostpreußischen Kürassier-Regiment Nr. 2

Mit Bekanntwerden der Konvention von Tauroggen, begann in Ostpreußen die Vorbereitung auf den bevorstehenden Kampf gegen Napoleon, und zwar ohne die Zustimmung des Königs, der noch immer zauderte. Am 22. Januar 1813 endlich verließ Friedrich Wilhelm III. Potsdam, um nach Breslau zu gehen und sich so dem direkten Zugriff durch die Franzosen zu entziehen. Am 28. Januar wurde Generalmajor v. Scharnhorst wieder bei der Armee als General-Quartiermeister angestellt. In dieser Stellung war er für alle organisatorischen Belange der Armee zuständig. Sogleich begann Scharnhorst die Vermehrung des Heeres voranzutreiben. Am 31. Januar 1813 ließ er dem König, ein von ihm selbst verfaßtes "Projekt zu einer neuen Vermehrung der Truppen durch Freiwillige" zukommen. Noch am gleichen Tage wurde es vom König mit Änderungen versehen und genehmigt. So konnte bereits am 3. Februar 1813 der Aufruf zur Formierung von freiwilligen Jäger-Detachements in Breslau veröffentlicht werden. Der Aufruf beginnt mit folgenden Worten: 

"Die eingetretene gefahrvolle Lage des Staates erfordert eine schnelle Vermehrung der vorhandenen Truppen, während die Finanz-Verhältnisse keinen großen Kostenaufwand verstatten. Bei der Vaterlandsliebe und der treuen Anhänglichkeit an den König, welche die Bewohner der Preußischen Monarchie von jeher beseelt und sich in den Zeiten der Gefahr immer am lebhaftesten geäußert haben, bedarf es nur einer schicklichen Gelegenheit, diesem Gefühl und dem Durste nach Thätigkeit, welcher so vielen braven jungen Leuten eigen ist, eine bestimmte Richtung anzuweisen, um durch sie die Reihen der älteren Vertheidiger des Vaterlandes zu verstärken, und mit diesen in der schönen Erfüllung der ersten von den uns obliegenden Pflichten zu wetteifern. In dieser Hinsicht haben Seine Majestät der König die Formierung von Jäger-Detachements bei den Infanterie-Bataillonen und Kavallerie-Regimentern der Armee zu befehlen geruhet, um besonders diejenige Klasse der Staats-Bewohner, welche nach den bisherigen Cantongesetzen vom Dienste befreit und wohlhabend genug sind, um sich selbst bekleiden und beritten machen zu können, in einer ihrer Erziehung und übrigen Verhältnissen angemessenen Form zum Militair-Dienst, aufzufordern, und dadurch vorzüglich solchen jungen Männern Gelegenheit zur Auszeichnung zu geben, die durch ihre Bildung und ihren Verstand sogleich ohne vorherige Dressur gute Dienste leisten und demnächst geschickte Offiziere oder Unteroffiziere abgeben können."

Es folgen dann in 10 Punkten die Details, die neben dem in der Einführung besagte, festlegten, daß die freiwilligen Jäger nur während des Krieges dienstpflichtig sein sollten. Ferner wurde befohlen, wie die Besoldung der Jäger geregelt werden sollte und daß sie der Militärgerichtsbarkeit unterstanden, sowie besonders zum Dienst als leichte Truppen verwendet und den Offizier- und Unteroffizierersatz bilden sollten. Die Jäger konnten sich überdies das Regiment aussuchen, in dem sie dienen wollten. Ihre Uniform war allgemein grün. Als freiwilliger Jäger konnte sich jeder melden, der zwischen 17 und 24 Jahren alt war, jedoch wurde die Begrenzung von 24 Jahren bereits am 10. Februar aufgehoben, nachdem auch ältere Männer sich zu den Jägern melden wollten. Auf die Freiwilligkeit allein wollte man dann doch nicht vertrauen und so wurde durch Absatz 4 ergänzt: niemand kann "... zu irgend einer Stelle, einer Würde, einer Auszeichnung (eines Orden etc.) kommen, wenn er nicht ein Jahr bei den activen Truppen oder in diesen Jäger-Detachements gedient hat". Dies natürlich nur soweit sie dazu tauglich waren. Demgegenüber sagt der letzte Artikel, daß diejenigen, die sich durch Tapferkeit, Diensteifer und Patriotismus auszeichnen, vorzugsweise im Zivildienst berücksichtigt werden sollten. (3) Die Freiwilligkeit wurde mit dem "Erlaß zur Aufhebung der Exemtion für die Dauer des Krieges" vom 9. Februar 1813 weiter relativiert, weil damit faktisch eine allgemeine Wehrpflicht für die Zeit des Krieges galt. 

Noch immer bestand mit Frankreich ein Bündnis. Es war durchaus nicht klar, gegen welchen Gegner ins Feld gezogen werden sollte, selbst Blücher gab im anfangs zitierten Brief seinen Zweifeln an den deutschen Fürsten Ausdruck. Trotzdem meldeten sich sofort Tausende junge Männer zu den Jägern. Zentren waren Breslau und Berlin. In Berlin schrieben sich bis Ende Februar allein über 2800 Freiwillige ein. Dies geschah unter den Augen der Franzosen, die Berlin ja noch besetzt hielten. 

Viele derer, die selbst nicht zu den Fahnen eilen konnten, beteiligten sich an der Ausrüstung der Jäger, z. T. mit bedeutenden Geldsummen. Diese patriotischen Beiträge wurden auf Befehl des Königs in den örtlichen Zeitungen bekannt gemacht. 

Es folgten weitere Kabinettorders über die Dienstverhältnisse, Uniformierung und Ausrüstung der Jäger. Von besonderer Bedeutung ist die "Instruction für die Regimenter, die Jäger-Detaschements betreffend", vom 19.März 1813. Sie stammt wiederum aus der Feder Scharnhorst's. Ausdrücklich wird in ihr darauf hingewiesen, daß "diese Jäger-Detaschements als eine Pflanzschule der künftigen Offiziere betrachtet werden." 

Den Regimentskommandeuren wurde aufgetragen, die Ausbildung der Jäger sehr gewissenhaft durchzuführen, die Männer gut zu behandeln und ihnen den Dienst nicht auf keine Weise zu verleiden. Auch sollten die Jäger geschont, an Strapazen erst langsam gewöhnt und vor dem Feind nicht unnötigen Gefahren ausgesetzt werden. 

Über die Gesamtzahl der sich gemeldeten freiwilligen Jäger gibt es sehr unterschiedliche Aussagen. Die heutige Quellenlage läßt eine exakte Bestimmung nicht mehr zu. Eine Statistik der General-Ordens-Kommission von 1820, das sogenannte Nationaldenkmal (4), geht davon aus, daß sich bis einschließlich 1815 über 24000 Jäger gemeldet haben, dazu aber in der Landwehr und im Heer noch einmal über 24000 Freiwillige, zusammen also fast 50000. Die wohl umfangreichste Studie zu den Freiwilligen Jägern im Militärwochenblatt von 1845-1847 weist bis zum Waffenstillstand 1813 8000-8500 Jäger und Jägerberechtigte aus. Und schließlich errechnete - noch mit Hilfe der Akten aus dem Heeresarchiv - Rudolf Ibbeken fast 28000 Jäger und Jägerberechtigte, schätzt die Zahl aber eher noch höher. 

Wie schwierig die Erhebung der freiwilligen Jäger ist, darauf weist schon die Bezeichnung Jägerberechtigte hin. Zahlreiche Freiwillige sind nämlich auch in Reih und Glied zu finden. Das war oft dann der Fall, wenn Jäger-Detachements zu klein oder zu groß waren. Die überzähligen Leute wurden dann den Bataillonen überwiesen. Aber selbst einige bereits Ende 1812 eingetretene Freiwillige haben nachweislich die Jägerberechtigung später erhalten. Bei den Pionieren und der Artillerie gab es keine Jäger-Detachements, die Freiwilligen dort wurden ebenfalls in die Kompanien und Batterien eingereiht. 

In Hinsicht auf die territoriale Herkunft kommen das Nationaldenkmal und Ibbeken annähernd gleichen Ergebnissen. Rund ein Drittel der freiwilligen Jäger kommen aus Brandenburg. Deutlich dahinter, aber doch an zweiter Stelle rangiert Schlesien und dann folgen die restlichen Provinzen. Setzt man die absoluten Zahlen ins Verhältnis zu der Zahl der Wehrfähigen, so ergeben sich nach Ibbeken 146 auf 1000 für Brandenburg, 60 für Ostpreußen, 62 für Pommern. Erst dann erscheint Schlesien mit 46 Freiwilligen auf 1000 Wehrpflichtige, gefolgt von den restlichen Provinzen. Besonders anfangs konnten sich viele als Jäger einschreiben lassen, die zwar nicht zu den vom Wehrdienst Befreiten zählten, sich aber selbst oder mit Hilfe anderer ausgerüstet hatten. Dadurch rekrutierten sich die Jäger aus allen Schichten des Volkes. Einzig Ibbeken hat versucht, die soziale Herkunft der Jäger zu beleuchten. Von etwa 25000 Freiwilligen hat er die Berufe nachweisen können. So ergibt sich, daß 40,6 % der Jäger aus dem Handwerk kommen, 15,3 % waren Bauern, Ökonomen, Jäger und Förster, 14,5 % Tagelöhner und Knechte; Studenten, Schüler, höhere Beamte stellten 11,8 %, Handlungsgehilfen und Kaufleute 9,8 %, schließlich mittlere bzw. untere Beamte, Sekretäre , ehemalige Soldaten waren 8 %. 

Er faßt dann noch einmal zusammen: Handwerk, Mittelstand, gehobenes Landvolk machen 73,7 % aus, niederes Landvolk 14,5 % und die sogenannten gebildete Stände nur 11,8 %. Diese Berechnung mag durchaus vertretbar sein, auch wenn Ibbeken z.B. das Mansfelder Pionierbataillon mit seinen über 600 Bergleuten und Salinearbeitern nicht mitrechnet. Die Zusammensetzung der Jäger-Detachements war äußerst unterschiedlich. So setzte sich die Garde-Volontair-
Kosaken-Eskadron beim Regiment Garde du Corps fast nur aus den Söhnen des Adel zusammen, die allerdings oft ihre Burschen mitbrachten, die auch als Jäger zählten, und so das Gesamtbild der Eskadron etwas verschieben. Im Detachement des Infanterie-Regiments Nr. 15 stellt sich, allerdings 1815 die Herkunft wie folgt dar: 36,7 % Schüler, Studenten und Akademiker, 31,4 % Handwerker, 12,4 % Landwirte und Forstleute, 10,5 % untere Beamte 4,8 % Kaufleute und sonstige Berufe 4,2 %. Im Jäger-Detachement des Pommerschen National-Kavallerie-Regiment dominieren 1813 die Gutsbesitzer und Ökonomen mit 29,2 %, dann die gebildeten Stände mit 16,7 % und die Handwerker sind hier nur mit 12,5 % präsent. Mit diesen wenigen Zahlen, sollte verdeutlicht werden, wie unterschiedlich die soziale Zusammensetzung der einzelnen Detachements war. Max Holzkamm weist in einer Studie über die pommerschen Freiwilligen darauf hin, daß die reitenden Detachements mit Leuten vom Lande und die Fußdetachements von Städtern dominiert wurden. Das ist nicht überraschend, da die Ökonomen, Jäger und Förster oft über ein eigenes Pferd verfügten, das sie mitbringen konnten. 
 

Freiwilliger Jäger beim Dragoner-Regiment Königin
Freiwilliger Jäger beim 1. westpreußischen Dragoner-Regiment
Freiwilliger Jäger im Ausländer-Bataillon von Reiche

Wir sehen also insgesamt waren die gebildeten Stände durchaus nicht die Mehrheit in den Jäger-Detachements. Karl von Holtei, Jäger bei den Breslauer Freiwilligen Jägern, schreibt in seinen Erinnerungen: "Ein Drittel unserer Zweihundert bestand aus gänzlich ungebildeten, mitunter pöbelhaften Menschen, von denen sich möglichst fern zu halten uns die unangenehmsten Erfahrungen schon auf dem Marsche gelehrt hatten." 

Überhaupt waren Jäger im engsten Sinne der Verordnung, nämlich gebildet, wohlhabend und nicht kantonpflichtig, nach Ibbeken nur ca. 3000. Alle anderen erfüllten eine oder mehrere Voraussetzung nicht. Man wird u. a. davon ausgehen müssen, daß sich höchstens ein Drittel der Jäger selbst ausgerüstet hat, einschließlich derer, die durch ihre Väter oder Familien ausgerüstet wurden. Alle anderen sind durch die Kommunen, durch Spenden oder durch ihre Gutsherren ausgerüstet worden. Viele der Freiwilligen waren demnach eigentlich Kantonisten und wehrdienstpflichtig. So erhielt z. B. der Freiwillige Jäger Kaufmann vom 1. Garde-Regiment zu Fuß nach seinem Eintritt noch den Gestellungsbefehl als Kantonist, konnte aber bei den Jägern verbleiben. 

Der Wert dieser Jäger-Detachements wird von den Zeitgenossen sehr unterschiedlich eingeschätzt. Besonders die noch zahlreichen Offiziere aus der altpreußischen Armee hatten keine sehr hohe Meinung über diese Detachements. Jedoch muß man dabei bedenken, daß die Jäger anfangs unausgebildet und vor allem den großen Marschanforderungen nicht gewachsen waren. Im Tagebuch des Garde-Füsilier-Bataillons stand dazu: "Die so nöthige Ordnung beim Marschiren wurde den Volontair-Jägern schwer, ... , weshalb besonders bei der Ungewohntheit Viele zurückblieben." Nicht selten waren die Detachements, von anfangs fast 200 Mann, schon nach kurzer Zeit zu Häufchen von 20 Mann geschrumpft. Dazu wurden die besten unter ihnen laufend in die Regimenter als Offiziere versetzt. Während des Waffenstillstandes, im Sommer 1813, befahl der König sogar, 300 der fähigsten Jäger auszuwählen und zu Offizieren zu befördern. Die meisten von ihnen sind zur Landwehr versetzt worden, wo dringend Offiziere benötigt wurden. Manch einem Jäger war das gar nicht recht und es sind Bitten an den König überliefert, wenigstens die Jägeruniform bei der Landwehr weiter tragen zu dürfen. 

Immer wieder hörte man auch Klagen über die Disziplin der Jäger. So kann man im Tagebuch Kauffmanns unter dem 9. September folgendes lesen: "Bei dem Dorfe Dorne [gemeint ist Dornau unweit von Teplitz] fiel der Exceß mit dem Schneider Schneider vor. Vom Wachtposten erst abgelöst, wollte derselbe Holz, Stroh und Wasser holen, wurde aber von dem Oberstlieutenant v. Alvensleben zurückgewiesen, der ihm erklärte, es sei hierzu jetzt keine Zeit mehr. - Schneider kehrte zwar um und ging zur Compagnie zurück, während ihm Alvensleben von Weitem verfolgte, warf aber hier angekommen seinen Feldkessel mit Flüchen zur Erde, worauf die Companie sogleich zum Antreten befehligt und ein Kreis um den Obristlieutenant geschlossen wurde, welcher befahl, daß p. Schneider an einen Baum gebunden werden solle, was später auch durch Grenadiere an ihm vollzogen wurde. - Als die Compagnie auseinander trat, schrie sie Hurrah! - worauf der Obrist-Lieutenant wieder umkehrte und die Compagnie mit den salbungsvollen Worten anredete: 'Die Jäger taugen den Teufel nichts! - Wenn ich der König wäre, so ließe ich jeden 10ten todtschießen, den andern 9 aber jedem 25 auf den A.sch brennen, und schickte sie ihrer Mutter nach Hause.' - In Folge dieses Vorfalles wurde später die Compagnie in zwei Klassen getheilt." Kauffmann schreibt darüber verbittert, daß "wie es auf der Welt immer zu gehen pflegt, grade die Schuldigen und resp[ektive] Spektakelmacher zur ersten Klasse kamen, während die Unschuldigen in die 2te gesetzt wurden." Bereits am 12. Mai hatte die Compagnie nach einer Ansprache Alvenslebens gemurrt und ihre Büchsen in die Luft geworfen, unter dem 5. September kann man lesen, daß die Jäger murten und sich weigerten die Strafe von 25 Stockschlägen an einem Jäger zu vollziehen. Auch da hielt Alvensleben mit Kauffmans Worten eine "erbauliche Rede". Der Jäger Ludwig Hoffmann berichtet ebenfalls über die Klasseneinteilung und daß in der zweiten Klasse "tüchtig gehauen" wurde. Nun soll aber nicht der Eindruck entstehen, daß die Jäger nichts wert waren. Im Verband mit den Linienkompanien, haben sie durchaus ihre Pflicht getan. Allmählich stieg ihre Kampfkraft, einerseits durch die Praxis, andererseits durch beständige Ausbildung an dem Marsch- und Ruhetagen. 

Nicht unerwähnt darf in diesem Zusammenhang bleiben, daß mehrere hundert Jäger das Eiserne Kreuz erhalten haben, eine Auszeichnung, die für den Krieg 1813/15 eher sparsam verliehen wurde. Bisher habe ich auch 7 Träger des EK1 nachweisen können. Schließlich wurden mehrere hundert Jäger zu Offizieren befördert und haben in den Stäben, den Linientruppen und der Landwehr wertvolle Dienste geleistet. 

Über die Motivation und die Bewußtseinslage der Freiwilligen ist in der Forschung noch zu wenig gesagt. Einzig Ibbeken versucht tiefer in das Problem einzudringen. Er schreibt in Bezug auf den Zwang, der sich aus dem Aufruf ergibt: "Eine solche 'unfreiwillige Freiwilligkeit' könnte auf die akademische Jugend am stärksten zutreffen. Dem Aufruf vom 3. Februar, der besonders auf die gebildete Jugend abgestellt war, sie aber im Fall der Weigerung von jeder künftigen Stelle im Staatsdienst, von Würden und Auszeichnungen ausschloß, folgte bereits am 9. Februar der Aufruf, der die allgemeine Wehrpflicht verkündete, d. h. nur sechs Tage später! Die harten, das ganze künftige Berufsleben in Frage stellenden Bestimmungen betrafen ausschließlich die gebildete Jugend, - die allgemeine Wehrpflicht betraf alle Stände." Und weiter schreibt er: "Die Handwerksgesellen hatten so oder so keine Aussicht auf 'künftige Stellen im Staatsdienst, Würden' usw.", eine Feststellung übrigens, die die Analyse der späteren Karrieren der Jäger voll bestätigt. 

Wenn man aufmerksam die Tagebücher und Briefe von Jägern der gebildeten Schichten liest, so kommen bei manch einem schon Zweifel an der Begeisterung auf. Aber insbesondere ist eine deutlich schwächere Motivation in der 2. Phase der Jägerbewegung von 1815 festzustellen. Die Überlieferungen z. B. von Krausnick, dem späteren langjährigen Oberbürgermeisters von Berlin, von Wilhelm Häring, besser bekannt als Willibald Alexis oder vom späteren Berliner Stadtrat Nobiling erwecken eher den Eindruck von wenig begeisterter Pflichterfüllung. Man mußte eben bei den Jägern gewesen sein, wenn man in Zukunft etwas werden wollte. Dazu paßt auch die Mahnung an Nobiling, in einem Brief von seiner Mutter, "Vergiß nicht, das Eiserne Kreuz mitzubringen!" Als ob das so leicht gewesen wäre. 

Die Hauptbewegung von 1813 war überwiegend aber schon von hohem patriotischem Empfinden geprägt. In Preußen wurde die französische Besetzung, allein schon über den Geldbeutel, sehr bitter empfunden. Und ganz einer Meinung bin ich mit Ibbeken, wenn er auf Preußen bezogen schreibt: "Die Bewegung von 1813 war nicht gesamtdeutsch, sondern primär und weit überwiegend dynastisch-preußisch." Das belegt schon der sehr hohe Anteil der Jäger aus Brandenburg, das einerseits besetzt war und andererseits die längste Tradition und tiefste Verbundenheit mit den Herrscherhaus besaß. In Schlesien dagegen als jüngste Provinz, obendrein nicht besetzt, war die patriotische Bewegung weit schwächer. Die Zahl der Jäger war im Verhältnis zur Größe und Bevölkerung gering. Die Bildung des Schlesischen National-Husaren-Regiment ging schleppend voran. Und aus dem Bergbau kamen Klagen der leitenden Beamten, daß sich aus den einzelnen Bergämtern zu wenig Freiwillige melden würden. Erst mit der Aufstellung der Landwehr, Schlesien stellte 17 Infanterie- und 10 Kavallerie-Regimenter, nahm die Provinz großen Anteil am Krieg. 

Eine besondere Rolle innerhalb der Freiwilligen-Bewegung nimmt das Lützower Freikorps ein. In ihm sammelte sich tatsächlich ein verhältnismäßig großer Teil der gebildeten Jugend. Doch waren sie auch hier nicht die Mehrheit, weder bei den Freiwilligen der Lützower, noch bei den Lützower Jägern. Der Geist in diesem Korps war zweifellos besonders patriotisch und im Ansatz auch über dynastisch-preußische Ideen hinausgehend. Die Verallgemeinerung der Stimmung und Zusammensetzung des Korps auf die Gesamtbewegung, wie in der Vergangenheit immer wieder getan, ist jedoch nicht zulässig. 

Noch zu wenig beachtet ist eine weitere Formation, das Mansfelder Pionierbataillon. Ibbeken gibt in seiner Berufsstatistik der Hauptbewegung nur 52 Bergoffizianten- und eleven an. Diese kommen aus den Bergbaurevieren, den Hütten und dem Torfabbau Schlesiens und Brandenburgs. Zwar konnte man nicht zu viele Leute dem Bergbau entziehen, wohl waren es zu wenig, die sich gemeldet hatten. Dies veranlaßte den König am 14. August 1813 zu folgender Kabinettsorder: "Wenngleich das Privilegium vom 3ten Dezember 1769 die Werbefreiheit der Bergleute betreffend, den gegenwärtigen Zeitumständen nicht mehr angemessen ist, so will Ich doch zum Besten des Bergbaues und Meiner treuen Bergleute, und in Betracht der Fährlichkeit und Mühsamkeit ihres Berufs, jene in vielen Ländern, in gleicher Weise übliche Begünstigung, jedoch mit der Beschränkung aufrecht erhalten, daß künftighin die Bergleute, wenn sie zum Kriegsdienst ausgehoben werden, nur zum Mineur- oder Pionier-Dienst gebraucht werden sollen; dagegen bleibt jedem nach wie vor unbenommen, als Freiwilliger unter meine Fahnen in Reih und Glied zu treten." Eine größere Zahl Bergleute finden sich daraufhin vor allem in den Festungs-Pionier-Kompanien wieder. 

Nach der Besetzung des Eichsfeldes und Mansfelder Landes wurde zum Jahreswechsel 1814 unter der Leitung des Berghauptmanns v. Veltheim das Mansfelder Pionierbataillon gebildet. Es setzte sich hauptsächlich aus Mansfelder Bergleuten zusammen, die als Kuxeinhaber, eine besondere Stellung unter den Bergleuten hatten. Auch die Salinearbeiter oder Halloren aus Halle gehörten zu Genossenschaften mit besonderen Privilegien. Das Bataillon war ca. 600 Mann stark und muß unbedingt zu den Freiwilligen gerechnet werden. 

Eine besondere Beachtung wert ist auch der erstmalige Eintritt von Juden in die preußische Armee. Zwar war 1812 die Judenemanzipation verkündet, der Militärdienst vorerst aber ausdrücklich ausgenommen. Friedrich Wilhelm III. sah die Juden nicht gern in der Armee und nahm den Loskauf von der Militärpflicht mehrerer Kreise gern an. Trotzdem meldeten sich 1813 auch Juden zu den Freiwilligen Jägern, aber es kam anfangs vor, daß sie zurück gewiesen wurden, da keine entsprechenden Befehle vorlagen. Aber schon Ende Februar entschied man sich, jüdische Freiwillige grundsätzlich anzunehmen. Viele von ihnen gaben sich aber gar nicht erst als Juden zu erkennen. Da gab es keine Schwierigkeiten. Anders im Fall Meno Burgs, der, nachdem seine Religion bekannt geworden war, die freiwilligen Garde-Jäger verlassen mußte. Eine Studie von Martin Phillipson versuchte jüdischen Freiwilligen zu erfassen und führt über 400 namentlich auf. Auch unter ihnen gab es einige EK-Inhaber, sowie zu Offizieren beförderte. Sie alle verließen nach dem Krieg die Armee, mit einer Ausnahme, dem späteren Major an der Artillerie-Schule Meno Burg, und dies auch nur nach persönlichem Eingreifen des Prinzen August zugunsten Burgs, nachdem er ihn bereits 1813 zur Artillerie geholt hatte. 

Zahlreiche Freikorps und Freiwilligen Einheiten entstanden außerdem. Genannt seinen die Ausländerbataillone v. Reuß und v. Reich, in denen sich besonders Freiwillige aus den ehemaligen preußischen Territorien meldeten, vor allem aus der Altmark. Aber auch das thüringische Bataillon des Majors Linker sei genannt, das nach seiner Gefangennahme sehr zahlreich zu den Preußen übertrat. Mit dem Vormarsch der Allierten zum Rhein und der Rückgewinnung alter preußischer Gebiete formierten sich auch dort freiwillige Jäger. Besonders die westfälischen Landwehrregimenter wurden durch Jäger-Detachements verstärkt. 

Nach preußischem Vorbild gab es in einigen weiteren Staaten ebenfalls freiwillige Jäger, so in Mecklenburg-Schwerin, wo 2 Regimenter formiert wurden, in Hessen-Kassel, in den thüringischen Staaten und in Baden. In Sachsen war das Banner Freiwilliger Sachsen mit den Jägern verwandt. Alle bisherigen Arbeiten über die Freiwilligen behandeln nur den Formierung der Jäger und ihre Entwicklung 1813. Ihre weitere Rolle, z. B. 1815, oder gar nach dem Krieg fand bisher wenig oder keine Aufmerksamkeit. Was ist aus den Jägern geworden? 

Viele der freiwilligen Jäger die zum Offizier befördert worden sind, blieben als Berufsoffiziere noch weiter beim Heer. Unter ihnen finden sich ca. 50 spätere Generale. Die Masse der Freiwilligen trat aber nach dem Krieg wieder in den Zivilstand zurück. Entsprechend dem Aufruf von 3. Februar 1813 wurde die Gesetzgebung betreffend die Besetzung von Stellen im Staatsdienst geändert, so daß ehemalige freiwillige Jäger bevorzugt Berücksichtigung finden konnten. Dies trifft jedoch nur für die subalternen Stellen zu.(5) Juden hingegen blieben von dieser Regelung ausgeschlossen. Im subalternen Staatsdienst finden sich dann viele Jäger wieder, als Steueraufseher, Chausseegeldeinnehmer oder im Forstdienst. Als höhere Beamte treten in der Regel nur die auf, die auf Grund ihrer Herkunft ohnehin in diese Positionen gelangt wären. Die Handwerker, die sich später schwer wiederfinden lassen, scheinen am engsten mit ihrer Profession verwachsen gewesen zu sein und tauchen im Staatsdienst oder als Offiziere kaum auf. Die Teilnahme am Krieg als Jäger hat also nur für wenige einen geringen sozialen Aufstieg bedeutet, am meisten für die, die Offizier geworden und geblieben sind. 
 

Elite des orstpreußischen National-Kavallerie-Regiments
Freiwilliger Jäger des pommerschen National-Kavallerie-Regiments
Freiwilliger Jäger des Elb-National-Kavallerie-Regiments

Viele bekannte Persönlichkeiten hatten ihren Dienst als freiwillige Jäger getan, so z. B. der Dichter Friedrich de la Motte-Fouquet, die späteren preußischen Minister v. Rochow und v. Bodelschwing, sowie auch der spätere Oberbürgermeister und Ehrenbürger Berlins Krausnick oder auch der Vater Theodor Fontanes. Die Aufzählung vieler weiterer bekannter Namen wäre möglich. 

Der Patriotismus der Jahre 1813-15 leitete eine neue Zeit im bürgerlichen Bewußtsein ein, das bis hin zur Revolution von 1848 das Selbstverständnis des Bürgertums prägte. Nicht nur die zahlreichen sich seit den 20er Jahren bildenden Freiwilligen-Vereine sind ein sichtbares Zeichen, für des Wertgefühl der freiwilligen Jäger, die in der Folge, besonders mit Blick auf das Lützower Freikorps, verklärt dargestellt wurden. In dieser Hinsicht wäre auch die Frage nach der Rolle ehemaliger freiwilliger Jäger im Zusammenhang mit der 48er Revolution zu erfragen. Sie haben sich entweder zurückgehalten oder erscheinen in ausgesprochen konservativem Licht, denkt man z. B. an den Publizisten L. Blesson oder auch an Krausnick, um nur zwei Namen zu nennen. Aber auch eine andere Folge hatte die Freiwilligenbewegung. Aus den Freiwilligen Jägern entstanden die Einjährig Freiwilligen. Deren Tradition und Vorteil erkennend, traten viele Männer aus dem Bürgertum dort ein und wurden oft zu Reserve- oder Landwehroffizieren befördert. Und als solche bekleideten sie, wie auch die ehemaligen Jäger, nicht selten Beamtenstellungen in Doppelfunktion, nämlich als ziviler Beamter und Offizier. Es entstand dadurch in Preußen eine besonders enge Verbindung von Staat und Armee, die bis zum Ende des Kaiserreichs bestehen blieb. 

Mit der Jägerbewegung, als einem Teil der Befreiungsbewegung von 1813/14, tritt uns in Preußen erstmals eine Volksbewegung entgegen, die von allen Schichten der Bevölkerung getragen wurde. Ob nun als Soldat, als Krankenpfleger, mit Geldspenden, egal ob Mann oder Frau, überall gab man oftmals das Letzte, um über Napoleon zu triumphieren. Das Nationaldenkmal gibt beeindruckend Zeugnis über die vielen Beiträge. Aber nur ganz wenigen Gebildeten ging es um mehr als um Preußen, ging es damals um nationale Geschicke Deutschlands. Für die meisten galt das Motto, das auch auf ihren Fahnen stand "Mit Gott, für König und Vaterland." 

(1) Blüchers Briefe, hg. v. W. v. Unger, vervollständigt von E. v. Colomb, Stuttgart, Berlin 1913, S. 153.

(2) Die Heeresergänzung wurde durch das Kantonreglement geregelt, die fehlende Mannschaft bis 1806 durch Werbung von Ausländern ergänzt. Im Zuge der Reformen wurde die Werbung im Ausland jedoch abgeschafft. Bis 1813 trat dennoch kein Mangel an Soldaten auf, da die preußische Armee durch Napoleon auf 42000 Mann begrenzt worden war.

(3) Scharnhorst war dann auch Urheber weiterer Erlasse im Februar/ März 1813, die weitere Details der Freiwilligen Jäger regelten.

(4) Das Nationaldenkmal befindet sich heute im Archiv Merseburg und umfaßt 4 Bände. Es wurde in wesentlichen Teilen von E. Müsebeck unter dem Titel: Freiwillige Gaben und Opfer des preußischen Volkes in den Jahren 1813-1815, Leipzig 1913 veröffentlicht. Merkwürdigerweise ist es in der Publizistik aber kaum benutzt worden. Das Nationaldenkmal wurde von der General-Ordens-Kommission angelegt, die durch KO vom 27. März 1813 durch Friedrich Wilhelm III. damit beauftragt worden war. Die Problematik einer solchen Zusammenstellung an sich verzögerte die Fertigstellung der Arbeit bis 1820. Dann jedoch war die eigentlich vorgesehene Veröffentlichung nicht mehr opportun, der König ließ es versiegeln und dem Archiv übergeben. Dort mußte es gesondert gelagert werden. Als 1827 Generalleutnant v. Pfuel sein Werk über die Freiheitskriege bearbeitete und das Nationaldenkmal benutzen wollte, mußte er dazu die Genehmigung des Königs einholen, die er zwar erhielt, was aber eine Ausnahme blieb.

(5) J.D.F. Rumpf, Dienst- und Rechtsverhältnis der Preußischen Staatsbeamten, von ihrem Diensteintritte bis zu ihrem Ausscheiden, Berlin 1833. 12

Aufsätze