Oliver Schmidt

Die Jacke der preußischen Landwehr-Infanterie von 1815.

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Die Einführung der Jacke für die Landwehr-Infanterie.

Eine allerhöchste Kabinetts-Ordre Friedrich Wilhelms III. aus Wien vom 29. April 1815 (1legte fest, daß die preußische Landwehr-Infanterie vorläufig mit blauen Jacken und grauen oder weißen Mänteln bekleidet werden sollte. Ein Musterexemplar der Jacke wurde von dem Oberst von Alvensleben (2aufgrund einer allerhöchsten Kabinetts-Ordre vom 28. März 1815 (3nach dem Vorbild der Jacken der russischen Garde-Marine-Soldaten entworfen; der König selbst änderte diese Probejacke dann jedoch noch einmal dahingehend ab, daß die zwei Reihen Knöpfe auf der Brust anstelle von je acht nur aus je sechs Knöpfen bestehen sollten, die beiden Knöpfe in der Taille wegfallen sollten, falls sie keinen besonderen Zweck erfüllten, und die runden Aufschläge nur mit einem statt mit drei Knöpfen zu schließen sein sollten. Die Aufschläge sollten von demselben Tuch wie die Jacke sein, doch einen farbigen Vorstoß von der Kragenfarbe tragen. Die Unteroffiziers- und Offiziersmontierungen sollten genauso aussehen, auch mit zwei Reihen Knöpfen. In Ermangelung von blauem Tuch durfte auch schwarzes genommen werden, doch sollten die Regimenter in sich gleichförmig gekleidet werden. Die Landwehr-Kavallerie konnte vorläufig ihre Litewken noch behalten.

Nach Pietsch konnte am Aufschlag anstelle eines Metallknopfes auch ein blauer Tuchknopf sitzen, er scheint allerdings in seiner Beschreibung der Jacke nur eine Reihe Knöpfe anzunehmen (4.

Ein Schreiben des 4. Departements (5des Kriegsministeriums vom 1. Juni 1815 (6gab bekannt, der König habe - laut Pietsch (7bereits am 25. April 1815 - bestimmt, daß bei den Landwehren im allgemeinen die Achselklappen von der gleichen Farbe wie die Kragen sein sollten. Auf der Achselklappe sollte, nach Pietsch (8aufgrund einer Verfügung des Kriegsministeriums vom 20. Mai 1815, die Provinz-Nummer des Regiments mit weißem Tuch, jedoch auf den weißen und gelben Achselklappen mit rotem Tuch, aufgenäht sein. Die Offiziere mußten diese Nummern in Gold tragen.

Die einzige bekannte zeitgenössische Abbildung.

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Preußische Landwehr. 21/8 1815.Diese neue Uniform der Landwehr ist recht typisch in der Elberfelder Bilderhandschrift wiedergegeben, als Bild 49a: "Preußische Landwehr. 21/8 1815." Die Figur ist jedoch, wie alle Figuren dieser Bilderhandschrift, nur etwa 8 bis 9 cm hoch gezeichnet, so daß naturgemäß von der Beobachtung bis zum fertigen Wasserfarbenbild viele Details auf der Strecke blieben.

Die blaue Tuchmütze hat einen gelben Rand mit einer schwarzweißen Kokarde vorne und einen gelben Vorstoß um den Deckel, vorne am Deckelrand befindet sich ein kleiner Knopf (Richard Knötels Deutungsvorschlag) oder, wahrscheinlicher, ein winziger, gelber Puschel (?); auf dem mir zur Verfügung stehenden Foto läßt sich leider nicht genau ausmachen, um was es sich handelt. Vorne an der Mütze ein schwarzer Lederschirm.

Die Jacke ist dunkelblau mit einem niedrigen, vorne geschlossenen (?) gelben Kragen, dunkelblauen Ärmelaufschlägen mit gelbem Vorstoß und gelben Achselklappen mit einer roten "4" darauf. Die Knöpfe auf der Brust sind aus Zinn, vermutlich in zwei Reihen von je acht anstelle der vorgeschriebenen sechs. Die Knöpfe auf den Schulterklappen dagegen scheinen aus Messing zu sein, falls nicht einfach nur die gelbe Farbe der Schulterklappe mit der des Knopfes verlaufen ist .

Die Hose ist aus weißem Leinen, ob der Landwehrmann schwarze Gamaschen über seinem schwarzen Schuhwerk trägt, läßt sich auf dem mir zur Verfügung stehenden Photo leider nicht feststellen.

Die schwarze Patronentasche hängt wie der braune Felltornister an weißen Riemen, der Mantel auf dem Tornister ist grau. Die Muskete hat Ringe, Abzugsbügel und Kolbenblech aus Messing.

Nach mir inzwischen leider teilweise verlorengegangenen Notizen, die ich vor einigen Jahren im Stadtarchiv Wuppertal machte, wären am 22. August 1815 das 2. Schlesische Marsch-Bataillon und das 1. Schlesische Landwehr-Ersatz-Bataillon in Barmen (neben Elberfeld heute ein Stadtteil von Wuppertal) einquartiert gewesen; leider kann ich die Signatur der Akte, in der ich diese Information fand, nicht mehr angeben.

Über dieses 1. Schlesische Landwehr-Ersatz-Bataillon habe ich nichts Näheres herausfinden können, es ist wohl kaum mit dem im Mai 1815 in Glogau stehenden Reserve-Bataillon des 1. Schlesischen Landwehr-Infanterie-Regiments (9identisch.

Die rote "4" auf den Achselklappen legt dagegen nahe, mit Richard Knötel an das 4. Schlesische Landwehr-Infanterie-Regiment zu denken, das 1815 ja auch am Feldzug in Frankreich teilnahm. Vielleicht waren Rekonvaleszenten oder Ersatzmannschaften dieses Regiments mit unter den im Marsch-Bataillon zusammengefaßten Mannschaften, oder die Mannschaften des Ersatz-Bataillons trugen bereits die Uniformen der Regimenter, für die sie bestimmt waren. Nach einem Befehl des Königs vom 17. November 1813 (10sollten ja die Ersatzmannschaften der Landwehr-Reserve nicht in der Kleidung der Krümper, sondern gleich in der normalen Landwehruniform abgeschickt werden.

Die Einführung des Rockes für die Landwehr-Infanterie.

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Schon am 29. Juli 1815 kündigte eine Bestimmung Friedrich Wilhelms III. aus Paris (11wiederum eine neue Uniformierung für die Landwehr-Infanterie an. Die Landwehr sollte allgemein Tschakos erhalten, die Landwehr-Infanterie Uniformröcke wie die Infanterie, mit dem Unterschied, daß die Schoßumschläge nicht ganz rot waren, sondern blau mit einer roten Einfassung, ähnlich denen der Jäger. Die Achselklappen sollten jetzt von der Farbe des Rockes, also dunkelblau, sein und die Nummer des Regiments in gelben Schnüren tragen, Kragen und Aufschläge ganz in der Provinzfarbe gehalten werden.

Eine Allerhöchste Cabinets-Ordre des Königs vom 21. September 1815 (12führte diese Röcke dann offiziell ein, doch sollte die Landwehr-Infanterie bis zu einem weiteren Beschluß des Königs vorerst noch Mützen erhalten. Die Unteroffiziere, Hautboisten und Tamboure der Landwehr-Infanterie sollten die goldenen Tressen und Borten wie bei der Linie tragen.

Die Umänderung der Landwehr-Jacken.

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In den Bestimmungen des 4. Departements des Kriegsministeriums vom 14. August 1815 über die Ausführung der neuen Einkleidung der Armee (13war verfügt worden, daß die der Landwehr-Infanterie bereits neu verabreichten Jacken umgeändert werden sollten.
 

Diese Umänderung fand auch tatsächlich statt, so schrieb von Heister, Kommandierender General in den Provinzen zwischen Weser und Rhein, am 11. September 1815 (14an den Kriegsminister, daß das in Wesel befindliche 2. und 3. Bataillon des 7ten und das 3. Bataillon des 8ten Westphälischen Landwehr-Infanterie-Regiments noch nicht nach Luxemburg abmarschiert wären, da aus Berlin noch eine Probe-Montierung erwartet würde, "nach welcher die Jacken der Landwehren in Uniform abgeändert werden sollen". Als dann Anfang Oktober 1815 die Bataillone endlich nach Luxemburg abmarschierten, war die Umänderung der Jacken immer noch im vollen Gange; was noch nicht fertig war, wurde auf Wagen mitgenommen (15.

Hauptmann Doerks vom 7. Schlesischen Landwehr-Infanterie-Regiment, der seit Juli 1815 beim Reserve-Bataillon die Anfertigung neuer Montierungen für sein Regiment leitete, berichtet in seinen Erinnerungen (16, daß diese Montierungen anfänglich Jacken waren, "aber doch nachher Schöße angesetzt wurden". Bei diesem Landwehr-Regiment bekamen die Mannschaften die neuen Röcke übrigens überhaupt nicht zu sehen, sondern wurden im Januar 1816 bei der Auflösung der Landwehr noch in ihren alten, seit April 1813 getragenen Litewken entlassen, von denen man schon die Schöße zur Reparatur der Ärmel hatte abschneiden müssen - auch eine Art Landwehr-Jacken!
 

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Quellen.

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[die sogenannte Elberfelder Bilderhandschrift]: Darstellung der vom 9. November 1813 bis zum 14. April 1819 durch Elberfeld passierten Truppen. Heute in der im Besitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin befindlichen Sammlung Lipperheide; beschrieben in: Richard Knötel. Mittheilungen zur Geschichte der militärischen Tracht. Rathenow 1892-1920; die hier besprochene Abbildung in Bd. XII (1902), No. 5, S. 17 f.

Großer Generalstab, Kriegsgeschichtliche Abteilung II [Hg.]. Das Preußische Heer der Befreiungskriege. 3 Bde., Berlin 1913-1914 [1920], photomechanischer Nachdruck Wiesbaden (LTR-Verlag), 1982.

Göring, P. Beiträge zu einer Geschichte des Landwehr-Bezirks Düsseldorf bis zum 1/IV. 1893. Düsseldorf 1893.

Granier, Herrmann [Hg.]. Schlesische Kriegstagebücher aus der Franzosenzeit 1806-15. Breslau 1904.

Pietsch, Paul. Die Formations- und Uniformierungs-Geschichte des preußischen Heeres 1808-1914. Band 1: Fußtruppen (Infanterie, Jäger und Schützen, Pioniere) und deren Landwehr. Zweite, vermehrte Auflage, Hamburg 1963.

[Ribbentrop.] Sammlung von Vorschriften, Anweisungen und sonstigen Aufsätzen über die Bekleidung der Königlich Preußischen Armee. Zweite, in einigen Punkten berichtigte Auflage, Berlin 1815. Auch hiervon existiert ein photomechanischer Nachdruck des LTR-Verlags.

Anmerkungen und Belege:

(1) Ribbentrop, S. 666 f. - zurück zum Text

(2) nach den Ranglisten vom 11.9.1813 und 14.6.1815 war er der Brigade-Kommandeur der Garde-Brigade - zurück zum Text

(3) Ribbentrop, S. 667 f. - zurück zum Text

(4) Pietsch, Bd. 1, S. 299 f. - zurück zum Text

(5) diese Abteilung war zuständig für das Rechnungswesen, sowie für Verpflegungs- und Bekleidungsangelegenheiten und die Invalidenversorgung - zurück zum Text

(6) Ribbentrop, S. 670 f. - zurück zum Text

(7) Pietsch, Bd. 1, S. 229 - zurück zum Text

(8)) ebd., S. 230 - zurück zum Text

(9) Das Preußische Heer der Befreiungskriege, Bd. 3, S. 450 - zurück zum Text

(10) ebd. S. 15 - zurück zum Text

(11) Ribbentrop, S. 749 ff. - zurück zum Text

(12) ebd., S. 732 - zurück zum Text

(13) ebd., S. 712 - zurück zum Text

(14) Göring, S. 93 - zurück zum Text

(15) ebd., S. 98 - zurück zum Text

(16) Granier, S. 133 ff. - zurück zum Text

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