Major a. D. Graf von Münnich
Ueber Kossacken

Im Soldatenfreund, Hefte 118 und 119, 1835, finden sich die Mitteilungen des Majors a.D. v. M******, der in den Befreiungskriegen nach eigener Auskunft häufig bei Kosakenabteilungen kommandiert war und im Jahre 1816, gleich nach dem Krieg, die unten folgenden Bemerkungen niederschrieb.

Aufgrund seiner Angaben über die Besetzung Bremens am 13. Oktober 1813 ließ sich die Identität des Autors dank der freundlichen Mitarbeit von Sabina Hermes in der Bibliothek des Wehrgeschichtlichen Museums in Rastatt relativ leicht feststellen: Es handelt sich um bei ihm um den russischen Rittmeister von der Armee und Grafen von Münnich, der aus dem Oldenburgischen stammte und sich mit anderen Offizieren beim Stab des Generals Tettenborn eingefunden hatte. Eine Darstellung dieses Tettenbornschen Stabes findet sich auf den Seiten 297 ff. des dritten Teils der »Denkwürdigkeiten des eignen Lebens.« von K. A. Varnhagen von Ense (dritte Auflage, Leipzig 1871) hier werden auch die anderen von Graf von Münnich genannten Offiziere und ihre Aktivitäten während des Feldzugs erwähnt.

Die vier Kosakenregimenter, die sich bei der unter Tettenborn stehenden Avantgarde des Wallmodenschen »verbündeten Armeekorps an der Niederelbe« befanden, stammten alle vom Don, es waren die Regimenter:
Grebcow II., Komisarow I., Denisow VII. und Sulin IX.

Obwohl Graf von Münnich wohl manchem Kosakenlatein aufgesessen ist, sind seine Ausführungen doch interessant genug, um hier der Vergessenheit entrissen zu werden. Ob die von ihm geschilderten Kommandierungen von Offizieren zu Kosakenregimentern, die von Varnhagen von Ense bestätigt werden, auch bei anderen Armeekorps stattfanden oder eine Besonderheit der Tettenborn unterstellten Truppen waren, konnte ich leider nicht feststellen. Sollte einer der Leser hierzu über Informationen verfügen und sie mir zukommen lassen können, würde ich mich freuen: Oliver Schmidt .

Doch nun zu von Münnichs Text selbst:

Als die Russischen Heere im Jahre 1813 mit den Preußen verbündet in Deutschland gegen Napoleon fochten, setzten die Generale, denen bedeutende Kosacken-Massen anvertraut waren, gewöhnlich irgend einen Deutschen Offizier an die Spitze jedes Kosacken-Regiments. Dieser erhielt von dem General die Uebersicht über das Unternehmen, welches man beabsichtigte, berichtete unmittelbar und oft ohne Zuziehung des Kosacken-Führers an das Hauptquartier und empfing auch unmittelbar aus diesem Befehle. Sie waren gewissermaßen ein Telegraph zwischen dem Commandirenden und den Kosacken-Führern. Nie oder doch nur sehr selten gab diese, eigentlich zweideutige und gewiß schwierige Stellung Anlaß zu Reibungen oder Unannehmlichkeiten, denn der Kosack besitzt einen wunderbaren Scharfsinn und richtiges Erkennen seiner Brauchbarkeit und seines Werthes. Er fühlt sehr wohl, daß in jedem Kriege außerhalb der Russischen Grenzen er nur als Untergeordneter dienen kann und gesteht den Offizieren anderer Armeen unbedingt größere Kenntnisse in der Europäischen Kriegsführung zu, als sich selbst und seinen angebornen Offizieren. 

So viel mir bekannt ist, fanden dergleichen Commando's Preußischer Offiziere bei allen Corps statt, und ich nenne nur die Namen Herbert, Bismark, Bothmer und Redlich, um dies in das Gedächtniß meiner ehemaligen Waffengefährten zurückzurufen. Auch ich stand in dieser Beziehung zu einem Kosacken-Regiment, mit dessen eigentlichen Commandeur mich bald die Bande der innigsten Freundschaft und wahrer soldatischen Kameradschaft verbanden. So hatte ich denn Gelegenheit, die Kosacken kennen zu lernen, im Gefechte und auf Vorposten, auf dem Rückzuge und beim Ueberfall, und habe die feste Ueberzeugung gewonnen, daß eine der Hauptkräfte des Russischen Heeres die Kosacken sind und auch so lange bleiben werden, als man sie nicht, ihrem eigentlichen Charakter entgegen, zu einer geregelten Reiterei machen will. Jeder einzelne Kosack hat eine außerordentliche Fähigkeit zum Kriege. Seine Sinne sind schärfer, als die Europäischer Nationen, denn er hört und sieht weiter und mehr, als westliche Völkerschaften. Da, wo wir höchstens einen schwarzen Punkt sehen, unterscheidet er, ob es ein Mensch oder Thier, Reiter oder Fußgänger, Kosack oder Europäer sey. Mit dem Ohr auf der Erde hört er mehr, als 20 Deutsche Feldwachen; Hufschlag, Infanterie-Gleichschritt, Fuhrwerk, Kanonenfeuer vernimmt und unterscheidet er, wo jeder Andere nur undeutliches Geräusch hört. Er versteht die Spuren der Thiere zu verfolgen, unterscheidet die Hufspur eines Kosackenpferdes von andern Pferden und orientirt sich ohne Compaß, ohne Wegweiser in der größten Wildniß. Ihm ist die mit der Hand angedeutete Richtung, wo ein Dorf ungefähr liegt, genug, um sicher durch Dick und Dünn dort anzukommen. Ein Kirchthurm ist mehr als zuviel Richtung für ihn. Seine Magnetnadel ist sein Instinkt, die Sonne, die Sterne, die Nordseite der Bäume, die Form der Höhenzüge, Fluß-Ufer, Moos, kurz Alles, was gebildete Völker nicht nöthig haben, um sich danach zu richten; dies Alles macht ihn vorzugsweise zur Bewachung eines marschirenden oder lagernden Heeres geschickt, und man hat fast kein Beispiel, daß russische Truppen überfallen worden wären, daher auch Suwaroff's Ausspruch: 

»Der Kosack ist das Auge des Heeres!«

Wer sich von Kosacken bewacht weiß, mag sicher und furchtlos ausruhen, denn der Kosack ist in diesem Geschäft aufgewachsen. Gewöhnt an Ueberfälle, Ueberlistungen, Raubzüge in seinem Vaterlande, gegenüber der gewandten Asiatischen Reiterei, hat er sich dazu gebildet. Seinem Späherblick, der die Schärfe eines Falken hat, entgeht nichts. Wenn wir nach einem Tagesmarsch ruhten, und es galt, die Gegend vor uns abzupatrouilliren, ob wir nichts vom Feinde zu besorgen hatten, so genügte ein Zeichen mit der Hand in der Richtung, von wo man den Feind vermuthen konnte, so trabten einige Kosacken fort, und man konnte überzeugt seyn, auch ohne weitläuftigte Instruction das ausgeführt zu sehen, was die Umstände erforderten. Der Instinct jedes Kosacken ist eine vollständige Vorschrift für den Feldwachen-, Patrouillien- und Vedetten-Dienst. Er weiß, worauf es ankommmt, die Mittel zur Erreichung seines Zweckes giebt ihm seine Nationalität. Das Wort »Hinderniß« kennt er gar nicht. Er reitet gerade aus, gleichviel, ob über Felsen, durch Schluchten, über Ströme oder Moräste. Er kommt durch! Wie? Das begreife ich oft jetzt noch nicht, obgleich ich hundertmal das Unglaubliche, ja Fabelhafte gesehen. Er weiß genau aus der Bildung des Eises zu beurtheilen, ob er sich über einen zugefrornen Fluß wagen kann; er prüft von der Höhe herab die Gegend bis in die weiteste Entfernung, weiß genau, wo, nach der Bildung der Höhenzüge, man annehmen kann, daß Wasser in der Nähe ist. Kein Strom, und wäre er noch so reißend, hemmt seine Reiterei. Einzeln und in ganzen Regimentern setzt er durch. 

Wem fällt hier nicht das merkwürdige Beispiel der beiden Kosacken-Regimenter ein, welche 1813 im Oktober bei Bremen, Angesichts der Stadt, über die breite Weser setzten. Noch jetzt erzählen Einwohner jener Stadt von dem wunderbaren, ja zauberisch fesselnden Eindruck, den dieses unerhörte, nie gesehene Schauspiel auf den Zuschauer und selbst auf die Franzosen machte.

Unter einander erkennen sich die Kosacken auf ungeheuer weite Entfernungen. Dies geschieht besonders durch den sogenannten Majak, eine den orientalischen Völkern eigenthümliche Art von Kreise-Reiten. In verschlungenen »8« reitet der Kosack umher, wenn er seinen Landsleuten aus weiter Entfernung ein Zeichen geben will. Dies verstehen sie so genau,daß sie gleich wissen, ob er Hülfe bedarf, ob die Gegend ringsumher sicher ist u. s. w. Vergeblich würde man diesen Majak nachzuahmen versuchen wollen. An dem Gange, der Kopfhaltung des Pferdes, der gerittenen Figur, erkennt der Kosack augenblicklich, ob es ein Kosack oder ein Fremder ist, der ihm ein Zeichen geben will. Auch Russische Linien-Cavalleristen verstehen nichts vom Majak. 

Außer der Wachsamkeit sind aber auch Religiösität und Treue seine Haupt-Tugenden. Der Kosack ist fromm, aber auch abergläubisch. Er hat die feste Ueberzeugung, daß der Russen Gott mächtiger sey, als der irgend eines anderen Volkes. Wenn er ihn angerufen und das Kreuz geschlagen hat, geht er mit der Ueberzeugung in den Kampf, daß ihm nichts geschehen würde, wenn es nicht der ausdrückliche Wille des Allmächtigen ist. Freilich artet seine Gottes-Verehrung leicht in Götzendienst aus. Er verehrt das Heiligenbild oder das Kirchen-Eigenthum seines Regiments mehr, als das höchste Wesen selbst. Mit der rücksichtslosesten Selbstaufopferung würde er dem Feinde ein Heiligenbild wieder abjagen. Indessen ist der Aberglaube der Kosacken auch die Wurzel manches Uebels. Sie haben ihre guten und bösen Tage. Zu den letzteren gehört besonders der Montag, und wenn frühmorgens ein Hase über den Weg läuft. Geschieht dies, so zwingt sie der Aberglaube, dem Hasen nachzusetzen und ihn zu tödten, sonst gelingt an diesem Tage keine Unternehmung. Läuft ein Fuchs über den Weg, so ist der Kosack voller Vertrauen auf das Gelingen seiner Unternehmung. Ich mußte diese Erfahrung einmal beinahe mit meinem Leben erkaufen. An einem Montage wollte ich ein Dorf mit ihnen attakiren, fand mich aber, als ich das Zeichen zur Carrière gegeben hatte, beinahe ganz allein. Meine Kosacken waren umgekehrt, und vergeblich war mein Zureden. Es war ein Montag und ich konnte nichts ausrichten, als ruhen und patrouilliren lassen.

Der Kosack verläßt ein Schlachtfeld nicht eher, bis er die Körper seiner erschlagenen Kameraden begraben hat. Es knüpfen sich an diese Sitte manche Erinnerungen seines patriarchalischen Lebens, und man kann mit Gewißheit annehmen, daß sie aus dem hohen Grade gegenseitiger Anhänglichkeit und dem Bewußtseyn entsprungen ist, den Verlust nur schwer und in langen Jahren ersetzen zu können. Fällt ein Kosack während des Rückzuges und bleibt unter seinen Feinden liegen, so wenden seine Kameraden Alles an, um den Körper in ihre Gewalt zu bekommmen. Die Ersparniß langer Jahre geben sie gern her, um nur den Leichnam ihres Landsmannes nicht in der Gewalt seiner Feinde zu lassen. Darum ist er aber auch fürchterlich in seiner Rache, wenn ein Kosack durch die Hand insurgirter Bauern oder im wehrlosen Zustande fällt.

Eben so wie der Verlust eines Kameraden ist der Verlust eines Pferdes bei ihnen ein Ereigniß, welches die Theilnahme eines ganzen Regiments in Anspruch nimmt. Die Trauer darüber ist allgemein, denn jeder weiß nur zu gut, wie unersetzlich der Verlust eines echt Donischen Pferdes ist.

Ein Kosacken-Regiment (Pulk) hat 5 Schwadronen, reglementsmäßig zu 100 Mann, daher auch der Name Ssottnja. Der Rittmeister heißt Ssottnik. Er hat unter seinem Befehl zwei oder drei Cornets (Choronugii) und zehn Unteroffiziere (Ourirdnikii). Diese letzteren sind eigentlich die Seele, das Triebrad eines Kosacken-Pulks. Nicht Dienstalter, sondern nur wirkliche Befähigung giebt einen Anspruch auf den Grad eines Kosacken-Unteroffiziers, und der Hettman selbst, nicht der Ssottnik, ernennt sie dazu. Einer von ihnen trägt den Namen Tagemann (Dnevalnoi). Er ist der Mittelpunkt der Verwaltung, die Ordnung des Dienstganges eines Ssottnja. Sie sind musterhafte Unteroffiziere, würden aber nur mittelmäßig den Ansprüchen des Offizier-Ranges genügen. Je höher der Rang, je unfähiger wird der Kosack, ihn mit Erfolg auszufüllen. Einzelne Beispiele verdienter Kosacken-Generale, welche gegenwärtig die Russische Armee zählt, sind Ausnahmen von der Regel.

Die reglementsmäßige Stärke von 500 Mann hat übrigens ein Kosacken-Regiment nur sehr selten im Auslande. Im letzten Kriege hatte das stärkste Regiment, das ich gesehen, 320 Lanzen. Es gab aber auch Regimenter von 120, ja sogar 80 Pferden. Hier sind es besonders zwei Ursachen, welche auf diesen Zustand einwirken. Erstens werden Kosacken zu tausenderlei Nebengeschäften gebraucht. Sie müssen die Wagenzüge konvoyiren, die dem Heere folgen, Gefangene zurücktransportiren, Ordonnanzen bei allen Feld-Aerzten, Verpflegungs-Beamten abgeben, und hauptsächlich Depeschen und Briefe sicher an ihre Adressen besorgen. Die außerordentliche Geschicklichkeit und Treue des Kosacken bei Allem, was ihm aufgetragen wird, hat ihn zu dieser Beschäftigung besonders befähigt. Ein Siegel ist ihm ein Heiligthum, und hat er die Weisung erhalten, daß Eile nöthig ist (was durch eine Feder angedeutet wird, die dem Siegel beigefügt ist), so ist er sogar im Stande, seinen treuesten Freund, sein Pferd, bis zum Hinstürzen anzutreiben. Der zweite Grund ist das bekannte und unheilbare Uebel des Nachzügelns. Tausend und abermals tausend Vorwände werden von ihnen gebraucht, um den Haupt-Trupp zu verlassen und oft löst sich ein Viertel des Regiments in Nachzügler auf, wenn es Abends zur Ruhe geht. Als wir uns im Feldzug 1813 dem westlichen Deutschland näherten, da wurde es nöthig, ein Commando von 25 Pferden unter einem versuchten und strengen Unteroffizier als Nachhut hinterher marschiren zu lassen. Das wirkte, und wir hörten weniger Klagen. Wie erstaunten wir aber, als wir im Jahre 1814 beim Rückmarsch aus Frankreich erfahren mußten, daß die Kosacken von Paris bis zum Don eine ganze fortlaufende Postenkette von Nachzüglern aufgestellt hatten, welche die gemachte Beute aus einer Hand in die andere von der Französischen Grenze bis zum Don schleppten. 

Die Fechtart der Kosacken ist eben so eigenthümlich, als ihre andern Beziehungen zum Heere. Ihr Marsch geschieht gewöhnlich zu Dreien, manchmal, aber selten, auch zu Sechsen. Die Ssottniks reiten in den Zwischenräumen der Trupps, die Offiziere aber auf beiden Seiten der Kolonne. Die Fahne der Ssottnja wird im ersten Gliede getragen. 

Der Aufmarsch in Linie geschieht auf das Commando: »Lawoy!« Ertönt es, so trabt Alles in eine einzige Linie, die aber nach innen eingebogen ist und mit den Flügeln den Feind wo möglich überragt. Die Tapfersten und die Strelki, das heißt, die mit Gewehren bewaffneten Schützen, reiten auf beiden Flügeln. So erfolgt der Angriff gewöhnlich von der Stelle aus schon im schnellsten Lauf. Mißlingt er, so erfolgt mit Blitzesschnelle der Rückzug, aber so, daß stets einzelne Trupps umkehren und dem etwa verfolgenden Feind die Spitze bieten. Bewunderungswürdig ist es, zu sehen, wie ganze Ssottnja's, ohne ein Commando abzuwarten, den rechten Augenblick dieses Umwendens zu ergreifen wissen und im Carrière umwenden. Außer dem Bereich des feindlichen Feuers sammelt sich das Regiment und schreitet gleich wieder zu einem zweiten Angriff, ohne ein besonderes Commando abzuwarten. Finden sie den Feind sehr fest und entschlossen, so fangen sie an, sich auf einem Flecke hin und her zu bewegen, was beinahe aussieht, wie das Drehen einer Schraube ohne Ende, wodurch sie die Aufmerksamkeit des Feindes jeden Augenblick auf einen andern Punkt lenken, und dann, wenn er den Angriff am wenigsten erwartet, auf ihn losbrechen. 

Dieses Alles geschieht fast ohne Commando, eben weil jeder einzelne Kosack seinen Platz in der Kette des Regiments kennt und genau mit der Angriffs- und Vertheidigungsweise seiner Nation bekannt ist. Daher haben sie auch keine Trompeter. Die Stimme des Führers im Lager, auf dem Marsch und im Gefecht genügt ihnen vollkommen, und selbst diese ertönt selten. Nie wird am Tage vorher bestimmt, wenn am anderen Tage abmarschirt werden soll. Steht der Führer auf und es dünkt ihm die rechte Zeit, so ruft er, so laut er kann: »Zu Pferde!« entweder aus dem Fenster eines Hauses, wo er wohnt, oder im Lager, und reitet dann gleich ab; drei Minuten nachher trabt sein Regiment hinter ihm her.

Dagegen fesselt den Kosacken außer der militairischen Ehre auch noch die religiöse Ueberzeugung an seine Fahne, denn das Regiment, welches ohne Fahnen wieder an den Ufern des Don erschien, wäre gebrandmarkt, vermaledeiet auf ewige Zeiten. Diese fanatische Ehrfurcht vor dem Heiligthum der Fahne war im Anfange des letzten Krieges beinahe Veranlassung zu einem Mißbrauch. Ging das Regiment nämlich einer Gefahr entgegen, so wurde die Fahne zurückgeschickt, und man konnte darauf schwören, daß diejenigen, welche die Fahnenwächter seyn sollten, meist Feige und Nachzügler waren. General Tettenborn aber steuerte diesem Unwesen. Kam es zum Handgemenge im zerstreuten Gefechte, so wurde die Fahne zwar aus dem Gewirr entfernt gehalten, durfte aber nur so weit hinter der Linie gehen, daß sie stets dem aufgelösten Ganzen zu einem bestimmten Halt und Sammelpunkt diente, dagegen durfte sie bei geordneten Regimentern nie anders als an der Spitze der Abtheilung seyn.

Die Bewaffnung der Kosacken besteht, wie bekannt, aus der Lanze, die in seiner Hand eine so große Bedeutsamkeit hat. Hat er einen Säbel, so trägt er ihn nach Asiatischer Art (die Chargen bei einem Regiment tragen indessen alle den Säbel); auch Karabiner, Pistolen oder lange Gewehre sieht man häufig bei ihnen. Ist es der Fall, so tragen sie die Pistolen am Gürtel, das Gewehr aber an einem Riemen auf dem Rücken, so daß es fest anliegt. Sonst trägt der nicht uniformirte Kosack nichts am Leibe, was klirrt oder Lärm macht, namentlich keine Sporen. Der Kaftan oder die Jacke wird zugehakt und hat gar keine Knöpfe und die Pferdezügel keine Kettchen. Von seinen Waffen sind es vorzüglich die Lanze und in einzelnen Fällen das Gewehr, von welchem er guten Gebrauch macht. Die erstere regiert er mit einer außerordentlichen Geschicklichkeit, und sticht drei, vier Mal, ehe Europäische Lanzen-Reiter nur einmal gestochen haben. Selten thun sie einen kräftigen Todesstoß, der gleich jede Hoffnung auf Genesung unmöglich macht. Dies liegt in dem religiösen Sinn der Kosacken, der ihn veranlaßt, nicht zu tödten, wenn es nicht durchaus nöthig ist; aber den Feind unschädlich zu machen, das ist seine Pflicht. Wenn der Kosack auf den Feind stürzt, so legt er die Lanze entweder unter den Arm oder stellt den Lanzenschuh auf die Fußspitze, beugt sich dann so weit vor, daß der Kopf den Hals des Pferdes berührt und er beinahe auf dem Pferde zu liegen scheint. In dieser Lage, die nämlich etwas Katzenartiges hat, wenn sich dies Thier niederhockt, um einen Sprung zu thun, sind sie besonders zur Führung der Lanze geschickt. Entfällt ihnen die Lanze, so lassen sie diese wohl auch am Riemen nachschleifen, greifen zum Säbel oder Kantschuh, je nachdem es ihnen nöthig scheint, und verstehen, ohne vom Pferde zu steigen, Gefangene zu binden, an das Pferd zu befestigen und mit ihnen davon zu reiten. Des Säbels bedienen sie sich selten, nur im Türken- und Perser-Kriege legen sie größeren Werth auf die Führung des Säbels, und werden von ihren Offizieren besonders darin geübt. Mit den Pistolen machen sie nur Lärm, wirksamen Gebrauch erwarten sie nicht von ihnen. Oft findet man bei den Kosacken die kostbarsten Türkischen Waffen von sonderbarer Form und fast unhandbar für die jetzige Art des Schießens. Aber der Kosack hat sie als Erbstück vom Vater und Großvater erhalten und schleppt sich lieber unnütz mit ihnen, als daß er sie zu Hause ließe.

Des Gewehres bedient er sich selten, aber dann gewiß um so wirksamer. Die Schützen auf den Flügeln (Strelki) könnten eben so gut als Scharfschützen zu Fuß dienen, und haben es auch im letzten Kriege mehrfach gethan.

Beritten ist der Kosack für das, was er leisten soll, vorzüglich. Er reite nur Wallachen, Hengste lassen sie zu Hause. Die Pferde sind sehr ruhig, ausdauernd, folgsam, genügsam und schnell. Gewöhnlich geht es Paßgang, der aber dauert und dem mittleren Gallopp Deutscher Pferde gleichkommt. Geht das Pferd Schritt, so legt es in der Stunde eine kleine Deutsche Meile zurück; dies kann oft Wochen lang dauern, ohne daß dem Pferde etwas anzusehen ist. Geruht wird nur, wenn gefüttert, und gefüttert nur, wenn geruht wird. Vor dem Feinde nimmt sich der Kosack nur wenig Zeit dazu. Eben so überlegen ist der Kosack den Europäischen Reitern im Tummeln seines Pferdes beim Handgemenge, daher die Freude, die aus den Augen der Kosacken blitzt, wenn er auf Reiterei losgeht. Den Kosacken die schlechte Seite abzugewinnen, ist ein Ding der Unmöglichkeit und kann nur dem Zufall gelingen. Die Fütterung des Kosacken-Pferdes geschieht mit unglaublich geringen Mitteln. Wo ein Europäischer Reiter verzweifeln würde, etwas zu finden, wo Alles verwüstet und verbrannt ist, da findet der Kosack für sein Pferd etwas zu fressen und dies ist damit zufrieden. Aber er stillt auch seinen Hunger nicht eher, bis der seines Pferdes gestillt ist. Redlich teilt er mit ihm, und es ist manchmal, als ob das Pferd wisse, es gibt nicht viel, aber dennoch thut es seine Schuldigkeit ohne irgendeinen Zwang. Die Zäumung hat kein Gebiß, dies hat seinen Grund sowohl in dem sanften Charakter des Pferdes, als auch in der Nothwendigkeit, das Pferd, wo es etwas findet, fressen zu lassen, ohne erst nöthig zu haben, dasselbe abzuzäumen. Sattel und Zäume liegen immer auf dem Pferde. Nur wenn er sich ganz sicher weiß, und dazu gehört viel, sehr viel, erlaubt sich der Kosack, den Sattel abzunehmen; dieser Sattel nun ist oft thurmhoch, denn unter ihm verwahrt er seine ganze Habseligkeit. Nie habe ich erlebt, daß das Pferd eines Kosacken gedrückt gewesen wäre, obgleich das Ungethüm von Sattel nur mit zwei breiten Gurten leicht aufgebunden ist und oft auch ohne den Mann eine entsetzliche Schwere hat. Scheint das Pferd ermüdet, oder soll es einer angreifenden Sendung entgegen, so geht der Kosack gern nebenher und leitet es am Zügel. Wird die Ermüdung zu groß, so schläft der Kosack im Sattel und das Pferd trottelt mit halbgeschlossenen Augen und gesenktem Kopf weiter. Oft giebt der Kosack mitten im Gefecht, wenn er gerade unbeschäftigt ist, seinem Pferde zu fressen, und streichelt und liebkost es überaus zärtlich. Ganz unglücklich ist der Kosack, wenn sein Pferd erschossen wird und er sich mit einem andern Pferde beritten machen muß. Lange sucht er nach einem, bis er wählt, dann aber beginnt die Abrichtung desselben nach Donischer Art. Merkwürdig genug ist es, daß es ihm gelingt, dem fremden Pferde das schlechte Futter, die ungleiche Futterzeit und den schnellen Schritt anzugewöhnen. Nur die Ausdauer des Donischen Pferdes bringt er ihm nicht bei und meistentheils erliegt es auf den ungeheuren Eilmärschen.

Die Gemüthsart des Kosacken ist die aller patriarchalisch lebenden Völker. Er ist ein guter Mensch, empfänglich für jedes natürliche Gefühl. Seine Treue, seine unerschütterliche Anhänglichkeit für den, der ihm einmal etwas Gutes gethan, sind bekannt. Es ist kein Fehler seines Charakters, wenn er hart gegen den Feind ist; dagegen ist er gutmüthig, ungemein gefällig und besonders sanft gegen Kinder. Wer erinnert sich nicht, welch ein vertrauliches Verhältnis sich bald unter den Kindern eines Hauses und den einquartierten Kosacken entspann. Gegen Frauenzimmer ist er keinesweges einschmeichelnd, denn sein Stolz erlaubt ihm eigentlich nicht, einen Liebes-Antrag zu machen. Er fühlt sich erniedrigt, wenn er einem Frauenzimmer bekennen soll, daß er in sie verliebt ist, daher auch die sonderbare Sitte in ihrer Heimath, daß sie den Heiraths-Antrag von der Geliebten erwarten und erst lange den Spröden spielen, ehe sie sich ergeben. Der Kosack ist außerordentlich gewissenhaft in der Bewahrung eines ihm anvertrauten Gutes und unter einander kommt nie ein Diebstahl oder eine Veruntreuung vor. Sie haben ein merkwürdiges Genie im Auffassen und Nachahmen alles dessen, was sie nur einmal gesehen, und ich sah einst, daß ein Kosack, der nie vorher Tischler-Arbeit gemacht hatte, in drei Wochen nach einem ihm gegebenen Muster einen vortrefflich gearbeiteten Mahagoni-Lehnstuhl verfertigte. Die Fassungskraft und das Nachahmungs-Talent des ganzen Volkes übertrifft allen Glauben. 

Der Kosack ist tapfer, aber orientalisch tapfer. Er ist der Berechnung unfähig, daß es nothwendig ist, auf einem Flecke stehend, sich todtschießen zu lassen, wenn irgend eine Aussicht vorhanden ist, den Tod zu vermeiden. List und Ueberraschung sind ihm die ersten Hülfsmittel zum Siege, nicht nur erlaubte Zufälligkeiten, wie bei Europäischen Kriegern. Er hat ein äußerst lebendiges Gefühl für Ehre, und der Führer, der sein Regiment mit Ehrgefühl zu lenken weiß, vollbringt gewiß das Unglaubliche mit ihm. Dies war auch die Ursach, daß die Generale sich gewöhnlich mit einer kleinen Schaar auserlesener Kosacken umgaben und diese dann dahin schickten, wo größere Massen ihrer Landsleute auf den Feind vorgingen. Eine besondere Wirkung macht es immer auf sie, wenn sie sich von einem Ausländer beobachtet wissen und zeigen wollen, was sie vermögen, dann sind sie unwiderstehlich. Diese Eitelkeit, die übrigens auch im geringsten Kosacken steckt, ist gewiß verzeihlich, da sie so Tüchtiges hervorbringt.

Der Kosack ist stets fröhlich und guter Dinge. Selten sieht man ein mürrisches Gesicht. Aeußere Umstände vermögen es nie, sie zum Mißvergnügen zu bringen. Ein Lied, und Alles jauchzt und tanzt. Man muß aber auch diese National-Kosacken-Lieder gehört haben, um die elektrische Wirkung desselben auf ein ganzes Regiment zu begreifen. 

Das sind die guten Seiten seines Charakters. Er hat aber auch schlechte. Liebe zum Trunk steht oben an. Zunächst der Hang, sich und die Kirche seiner Heimath zu bereichern. Wir hatten alle Mühe, den Kosacken begreiflich zu machen, daß wir noch immer in Deutschland, also in Freundes Land, wären. Bei jedem Flusse fragten sie: »Kommen wir jetzt nach Frankreich?« und der Wille, sich dort für lange Entbehrungen schadlos zu halten, leuchtete ihnen aus den Augen. Aber auch diese Untugend hat ihre nationelle Entschuldigung. Sein Weib verlangt eine Halskette von Goldmünzen, wenn er zurückkommt. Sein Pope verlangt eine reiche Gabe für die Heiligenbilder in der Kirche, und im heimathlichen Dorfe gilt der für den Tapfersten, der das Meiste mit nach Hause gebracht. 

v. M.******, Major a. D.


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